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Antwerpen - Stadt der funkelnden Steine PDF Drucken
Thomas Schmid - Weltwoche - 51/01

Nirgendwo werden mehr Diamanten gehandelt als im belgischen Antwerpen. Der Aufstieg zur Glitzermetropole der Welt ist ein Spiegel jüdischer Geschichte

Bram Fischler ist ein zutiefst misstrauischer Mensch. «Wird der Mensch als schlechter oder guter geboren?», fragt er und liefert die Antwort gleich mit: «Als schlechter natürlich. Woher sonst sollte all das Böse in der Welt kommen? Homo homini lupus.» Schon in seiner Jugend hat Fischler gelernt, mit Vertrauen sparsam umzugehen. Das hat ihm wohl das Leben gerettet. Als die Nazis am 10. Mai 1940 Belgien überfielen, setzte er sich noch am selben Tag ab. Auf einem Frachtschiff überquerte er den Ozean und ging ohne Pass und Visum in Kuba an Land. Dort baute er als Diamantenschleifer zusammen mit andern Antwerpener Juden, die auf die Karibikinsel geflohen waren, eine bescheidene Diamantenindustrie auf, die mit dem Wegzug der Flüchtlinge 1948 allerdings wieder kollabierte.

Heute ist Bram Fischler 75 Jahre alt und Präsident der World Federation of Diamond Bourses, zu der sich die 24 Diamantenbörsen der Welt zusammengeschlossen haben. Vier von ihnen befinden sich allein in Antwerpen, wo etwa sechzig Prozent des Welthandels mit Diamanten abgewickelt werden. Es sind keine Paläste, in denen Wertpapiere gehandelt werden, sondern eher noble Markthallen, wo sich Käufer und Verkäufer von Diamanten direkt treffen. Kaufverträge werden nach traditionellen Regeln ohne jegliche Papiere und Formalitäten auf Vertrauen hin abgeschlossen. Ein Handschlag und die Worte «Mazal U’Bracha» - hebräisch für «Glück und Segen» - genügen, und das Geschäft gilt.

Aber nicht jeder dahergelaufene Lump oder Parvenü kann eine Diamantenbörse betreten. Man muss Mitglied der Börse sein, und der Verwaltungsrat lässt die Kandidaten auf ihre Solvenz und ihren Leumund hin durchleuchten. Da herrscht erst einmal Misstrauen. «Ohne gute Referenzen läuft gar nichts», sagt Bram Fischler, der als Diamantenhändler selbst Mitglied der Beurs voor Diamanthandel ist, der ältesten und mit 2000 Mitgliedern grössten Diamantenbörse Antwerpens. Im holzgetäfelten Salon, der die Ausmasse einer Turnhalle hat, spielen Männer Karten, plauschen beim Kaffee und schliessen Geschäfte ab.

Geschlossene Gesellschaft

Einige der Händler an den langen Holztischen haben Schläfenlocken und tragen Kaftan mit Tefillin, Gebetsschnüren, und Hut, es sind chassidische Juden. Aber auch viele dunkelhäutige Herren tummeln sich im Saal. Etwa die Hälfte des Antwerpener Umsatzes wird heute von Indern getätigt. Auch im Verwaltungsrat der traditionsreichen Börse sitzt inzwischen ein Inder - neben 19 Belgiern, die, wie Bram Fischler anmerkt, «allesamt Juden sind». Das hat Tradition.

Die Geschichte der Antwerpener Juden reicht ins 13. Jahrhundert zurück. Die ersten kamen aus Deutschland und Osteuropa. Der Eintritt in die Handwerkerzünfte blieb ihnen genauso verwehrt wie der Besitz von Land. Also suchten sie im Handel oder als Geldverleiher (die Erhebung von Zinsen war den Christen verboten) ein Auskommen. Nach der Entdeckung der Seeroute um das Kap der Guten Hoffnung durch den Portugiesen Vasco da Gama wurde Antwerpen im 16. Jahrhundert ein bedeutender Hafen für die Einfuhr von Gütern vor allem aus Indien, dem damals einzigen Produzenten von Diamanten überhaupt. Zu jener Zeit kamen auch viele «Marranen» aus Spanien und Portugal nach Antwerpen, Juden, die sich unter dem Druck der Inquisition hatten taufen lassen und dann doch ihre Heimat verlassen mussten. Et-liche von ihnen widmeten sich dem Diamantenhandel und trugen zur wirtschaftlichen Blüte der Stadt bei. Es war das goldene Jahrhundert der flämischen Metropole, von dem noch heute zahlreiche Prachtbauten künden: die grosse gotische Kathedrale, das Rathaus und eine Reihe schmucker Zunfthäuser am Grote Markt, dem Grossen Marktplatz.

Mit dem Niedergang Antwerpens infolge der Religionskriege schrumpfte auch die jüdische Gemeinde auf wenige Familien zusammen. Erst ab 1880 wuchs sie wieder an. Damals blieben viele Juden aus dem österreichischen Galizien und aus Russland auf dem Weg in die Vereinigten Staaten in Antwerpen hängen. Wenige Jahre zuvor war der erste Diamant in Südafrika gefunden worden, und schon bald gründete sich mit De Beers das bedeutendste Minenkartell der Welt. Antwerpen stieg nun schnell zum wichtigsten Handelsplatz für rohe und geschliffene Diamanten auf. Zu Beginn des 20. Jahrhunderts beschäftigte die Diamantenindustrie der Stadt bereits 4000 Personen, davon etwa 650 Juden. Nach dem Ersten Weltkrieg kam es zu einer neuen Einwanderungswelle von Juden, unter ihnen viele Chassiden, Anhänger einer mystischen Bewegung, die in Polen und der Ukraine weit verbreitet war. Und heute nach der Rückkehr vieler Juden ist die jüdische Gemeinde schon wieder halb so gross wie vor dem Holocaust.

Die Geschichte der Juden und der Diamanten prägt heute einen ganzen Stadtteil Antwerpens. Wer den Hauptbahnhof verlässt und in die Pelikaanstraat einbiegt, ist nach wenigen Schritten schon mitten drin in der Welt der Diamanten. Es gibt hier Diamantenbörsen, Diamantenbanken und Diamantenschulen. Diese bilden die Diamantenschleifer aus, deren Produkte in den Vitrinen von 1600 Diamantenfirmen glitzern. Handel und Industrie des Diamantensektors beschäftigen immerhin 27 000 Menschen in der Stadt. Geht man die Pelikaanstraat stadtauswärts, taucht man in die jüdische Welt ein: «Hoffi’s Take Away» bietet «gefilten Fisch» und israelischen Weisswein an. In den Kiosken liegt die Hamodia aus, die Wochenzeitung der Thora-Juden. Im kleinen Buchladen, der vom Boden bis zur Decke mit religiösen Werken vollgestopft ist, findet man allerlei über Chassidismus und Kabbalistik. Und der chassidische Rebbe hat sein Büro nur wenige Schritte vom Oberrabbiner der jüdischen Gemeinde entfernt.

«Von den rund 20 000 Juden, die heute wieder in Antwerpen leben», sagt Eli Ringer, Präsident des «Forums», in dem sich die jüdischen Organisationen zusammengeschlossen haben, «ist vielleicht die Hälfte religiös, und davon wiederum die Hälfte chassidisch.» Mit Stolz verweist er auf die Jesode Hatorah, mit 1200 Eleven die grösste jüdische Schule Europas. Es gibt wieder 34 Synagogen in der Stadt. «Assimiliert haben sich die Juden Antwerpens nie», betont er, «aber sie sind integriert in die Gesellschaft.» So gut integriert, dass sich der Vlaams Blok, eine offen rassistische Partei, die bei den jüngsten Kommunalwahlen 33 Prozent der Stimmen erhielt, nicht mal einen versteckten Antisemitismus leisten kann.

Jakob Ringer ist Diamantenschleifer. Sein Atelier hat er im Hinterzimmer seiner Verkaufsbude. Dort spaltet, sägt, reibt und schleift er den kostbaren Stein, bis der so funkelt, wie es sich für den weltberühmten Antwerp Cut ziemt. «Diamant ist das härteste Material der Welt», doziert er, «wenn ich säge, dann schaffe ich pro Stunde höchstens zwei Millimeter.» Sechs Jahre hat seine Ausbildung gedauert, und er weiss nun wirklich alles über den Diamant, der chemisch gesehen ausschliesslich aus Kohlenstoff besteht. Heute werden die meisten Rohdiamanten, die Belgien importiert, zur weiteren Bearbeitung nach Indien exportiert, wo es 800 000 Diamantenschleifer gibt. «Aber die wirklich grossen und wertvollen Diamanten werden immer noch in Antwerpen geschliffen», sagt Jakob Ringer, «hier arbeiten nun mal die höchstqualifizierten Schleifer der Welt.»

Die Echtheit und Qualität der geschliffenen Diamanten untersucht die Abteilung Zertifikate des Hohen Rats für Diamanten. Die wichtigsten Qualitätsmerkmale sind die vier C: Carat (Gewicht), Clarity (Reinheit), Colour (Farbe) und Cut (Machart). Das Prädikat «loupe clean» («lupenrein») erhält ein Stein gemäss den international anerkannten Regeln, «wenn ein erfahrener Diamantenexperte mit einer zehnfach vergrössernden und um chromatische und sphärische Abweichungen korrigierten Lupe unter standardisiertem Kunstlicht keine inneren Merkmale erkennt».

Der lupenreinste Diamant aber kann eine schmutzige Geschichte haben, die man ihm nicht ansieht. In afrikanischen Bürgerkriegsländern finanzieren viele Warlords ihre Waffenkäufe aus dem Verkauf von Diamanten. Seither fürchtet der Handelsplatz Antwerpen um seinen guten Ruf. Den Import aus Liberia, dessen Regime Diamanten verkauft, die von einer sierra-leonischen Rebellenorganisation ins Land geschmuggelt werden, hat die Uno im vergangenen Mai verboten. Die Einfuhr von Diamanten aus Sierra Leone und Guinea ist zurückgegangen, nachdem diese Länder ein neues Kontrollsystem akzeptiert haben: Jede Ausfuhr darf nur noch über eine zentrale Stelle abgewickelt werden, die glaubwürdig dafür bürgt, dass der Diamant im Lande selbst produziert wurde. Der Anteil der «Blutdiamanten» am Welthandel, so schätzt jedenfalls Youri Steverlynck vom Hohen Rat für Diamanten, ist seither von 3,7 Prozent auf etwa ein Prozent gesunken. «Kongo ist noch ein ganz grosses Problem», sagt er, «und sollen wir etwa aus Russland keine Diamanten einführen, solange es in Tschetschenien Krieg führt?» Steverlynck würde es durchaus begrüssen, wenn die Uno Klarheit schaffen und notfalls gegen weitere Länder ein Diamantenembargo verhängen würde. Doch weiss auch er: «Eine hundertprozentige Garantie für die Herkunft jedes Diamanten wird es nie geben.» Doch was kümmert es den Käufer? Der Funkelstein wird weiterhin - je nach Bedürfnislage - Schutz gegen Feinde bieten, Kraft und Mut verleihen oder das erotische Feuer entfachen.
 

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Der Blick in die Welt, Thomas Schmid